Redebeitrag anlässlich des 140jährigen Bestehen

Redebeitrag des 2. Vorsitzenden anlässlich des Empfanges zum 140jährigen Bestehen des Chores

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

mir obliegt es, in der gebotenen Kürze über das Thema „25 Jahre Teilnahme am internationalen Kulturaustausch“ zu referieren. Ich möchte die Anfänge etwas ausführlicher beleuchten, mich dann aber in der Kunst des Weglassens üben.

Um 1979 einen würdigen Rahmen für besondere Ehrungen zu haben, luden wir zum Besuch einer Opernaufführung ins große Haus und zu einer intimen Nachfeier ins Foyer des hiesigen Staatstheaters ein. Die vom Dirigenten sorgsam ausgewählten Chorvorträge und zukunftsweisende Redebeiträge verfehlten ihre erhoffte Außenwirkung nicht. Vertreter aus Politik, Kultur und Verwaltung nahmen wohl die Überzeugung mit, wir seien international hofffähig.

Erste Auslandsaufgabe war ein Gemeinschaftskonzert mit dem Kärntner Kammerchor Klagenfurt im Wappensaal des dortigen Landhauses im Rahmen der Feierlichkeiten „50 Jahre Städtepartnerschaft“.
Das positive Echo machte dem damaligen Kulturdezernenten Prof. Bertram und seinem Amtsleiter Henry A. Gerster Mut, uns 1982 in die Partnerstädte diesseits und jenseits der Karawanken zu entsenden. In Klagenfurt bestätigte man uns eine weitere musikalische Aufwärtsentwicklung. Ein von Radio Ljubljana mitgeschnittenes Konzert in der Slowenischen Nationalgalerie war Keimzelle aller späteren Kontakte im slowenischen Sprachraum.

Unsere Auslandsreisen waren nie Einbahnstrassen. Gegeneinladungen wurde Folge geleistet, um entsprechend repräsentative Konzerte auch in Wiesbaden zu geben.

Im Oktober 1983 schrieb die Lokalpresse: Der Sonnenberger Chor, den zu rühmen in letzter Zeit mehrfach Gelegenheit bestand, bleibt nicht in den Grenzen des Vereinslebens und der Vereinsmeierei, er schaut über seinen eigenen Horizont hinaus und überlegt, wie er seine Musik in die Welt tragen kann.“

Bereits zu diesem Zeitpunkt war das Konzept einer .“Internationalen Chorbegegnung Wiesbaden im Europäischen Jahr der Musik 1985“ Gegenstand ausführlicher Gespräche mit Henry A. Gerster. Nachdem sich die Stadtverordnetenversammlung, der Hessische Rundfunk, die Nassauische Sparkasse und der Deutsche Musikrat für unser Projekt stark gemacht hatten, bekamen wir Zusagen aus den Partnerstädten Klagenfurt, Ljubljana, San Sebastian und Kfar Sava. Im Oktober 1985 erlebten mehrere tausend Besucher bei 13 konzertanten Veranstaltungen in und um Wiesbaden großartige Chormusik im Zeichen der Völkerverständigung.

Das Feuilleton resümierte: „Der Sonnenberger Chor hatte sich und den Wiesbadenern ein kulturelles Ereignis beschert, das keine Wünsche offen ließ. Oder doch? Jawohl, den nach mehr!“ Das Fazit der mit gemischten Gefühlen angereisten Israelis lautete: „In nur 4 Tagen hat sich unser Deutschlandbild grundlegend verändert. Ihr seid herzlich eingeladen, 1986 an der Welt-Chorbegegnung „Zimriya“ in Israel teilzunehmen!“

Für den seinerzeit frischgebackenen Oberbürgermeister Achim Exner, von Haus aus eher dem Sport zugetan, war Chormusik dieser Prägung wohl ein „Aha-Erlebnis“. Er begleitete uns nicht nur nach Israel und Italien. Wann immer es ihm zeitlich möglich war, wertete er unsere kulturellen Aktivitäten durch persönliche Präsenz auf. Gleiches gilt für Margarethe Goldmann, Eva Müller und Peter Riedle, die Prof. Bertram im Amt nachfolgten.

Auch „Zehn Jahre Städtepartnerschaft mit Ljulbjana“ wurde für unseren Chor zum Meilenstein. Mit einem geistlichen Konzert im dortigen Dom und einem weltlichen Programm in der Slowenischen Philharmonie, letzteres von Radio Ljubljana direkt übertragen, konnten wir 1987 eine weitere Sprosse auf der Erfolgsleiter erklimmen.

Im April 1988 betrat ein alter Bekannter aus Park-Cafe-Zeiten als Lokalpächter im wiedererstandenen Kaisersaal die Sonnenberger Szenerie. Mit „Marcello“ war auch eine Verbindung zum Deutsch-Italienischen Verein für soziale Partnerschaft AMIZICIA hergestellt und ein entsprechendes Austauschprogramm gesichert.

Noch im gleichen Jahr gastierten wir im heute polnischen Breslau. Eine Städtepartnerschaft, die bekanntlich erst nach einigen Geburtswehen eingegangen wurde. Das machte unsere Aufgabe als musikalische Botschafter – wie zuvor schon in Israel - zur echten Pionierarbeit.

Im Februar 1989 empfingen Chorleiter und Chor mit Dirigenten-, Haupt- und Sonderpreisen bei einem internationalen Wettbewerb im Prager Smetana-Saal sozusagen die „höheren Weihen“. Das trug uns die Einladung zur Teilnahme an den Prager Festwochen 1990 und Gegenbesuche des Männerchores der Prager Symphoniker ein.

Solche Bühnenerfolge machten in Fachkreisen ebenso schnell die Runde, wie Berichte über unser gutes Auftreten in Israel. Nach Prag erreichten uns Glückwunschadressen aus aller Welt. Der damalige Präsident des Deutschen Sängerbundes kam nach Sonnenberg, um persönlich zu gratulieren.

Organisatorischer Arbeitsschwerpunkt des Jahres 1989 war eine Benefizreihe zugunsten der Erdbebenopfer in Armenien. In 7 Konzerten konnten wir dem heimischen Publikum Spitzenensembles aus verschiedenen Regionen der früheren Sowjetunion vorstellen, darunter Moskauer Elite ebenso wie Bühnenstars aus nichtrussischen Republiken.

Zeitgleich liefen die organisatorischen Vorbereitungen der II. Internationalen Chorbegegnung Wiesbaden 1990, dem Jahr unseres 125jährigen Jubiläums. Neben den Partnerchören aus Ljubljana, Kfar Sava und Breslau folgten mit dem Rybin-Chor Moskau und dem armenischen Männerchor „Nor Dar“ auch zwei professionelle Ensembles zum wiederholten Male unserer Einladung. Privatquartiere für 150 ausländische Gäste und eine kräftige Finanzspritze der Landeshauptstadt ermöglichten uns, die Erstauflage der Jahres 1985 noch zu toppen. Unser weitgereister Freund Valery Rybin resümierte:„Musikalische Bandbreite, der festliche Gesamtrahmen und der humanitäre Geist dieses einwöchigen Chortreffens waren einmalig und unübertrefflich!“

Mit einer Konzertreise nach Klagenfurt im Frühjahr und einer zweiten mit den Stationen Wien, Budapest und Prager Festwochen im Herbst 1990 belohnten sich Dirigent und Sänger gewissermaßen selbst für ein fulminantes Jubiläumsjahr. Entsprechend stark wuchs das weltweite Interesse an Auftrittsgelegenheiten in Rahmen unserer Veranstaltungsreihen.

Auf amtliche Anfrage konnten wir im Frühjahr 1993 folgende Leistungsbilanz aufmachen: Bei 10 Tourneen 7 Nationen besucht, mit 41 Solisten und Ensembles aus 17 Nationen zusammengearbeitet, 117 Konzerte gegeben, 16 Benefizaktionen durchgeführt, 9 Rundfunksendungen im In- und Ausland initiiert , rund 2.500 Übernachtungen in Privatquartieren gewährleistet.

In Anerkennung dessen durften wir im September 1993 aus den Händen von Oberbürgermeister Exner den Preis zur Förderung des kulturellen Lebens der Landeshauptstadt Wiesbaden entgegennehmen. Mit unserem Dank an all die vielen öffentlichen und privaten Förderer und Kooperationspartner verbanden wir das Versprechen, uns weiterhin nach Kräften in den Dienst des internationalen Kulturaustausches zu stellen.

Wir haben dieses Versprechen gehalten. In den letzten 12 Jahren konnten wir die Zahlen unserer Benefizaktivitäten auf über 30, die unserer weltweiten Kooperationspartner auf über 80 und die unserer Konzerte auf über 200 jeweils verdoppeln. Unsere beiden letzten Auslandskonzerte liegen gerade mal 3 Wochen zurück.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

dass und wie man einen aus dem Tritt gekommenen Traditionschor zurück auf die Konzertbühne führen kann, hat Klaus Ochs unter Beweis gestellt. Dass und wie man auch mit geringeren Sängerzahlen Kurs halten kann, beweist Holger Wittgen seit nunmehr 10 Jahren. Keines Beweises bedarf die Tatsache, dass bei ausbleibender öffentlicher und privater Förderung „kulturelle Ereignisse“ – gleich welcher Art -einfach nicht stattfinden.

Deshalb appelliere ich auch hier und heute eindringlich, Stellenwert und Breitenwirkung des internationalen Kulturaustauschs auf ehrenamtlicher Basis nicht zu unterschätzen. Unsere von der Politik gerne auf schwieriges Terrain vorgeschickten Großen des klassischen Fachs sprechen bestenfalls den Intellekt von Eliten an. Die Herzen der verständigungsbereiten Menschen dieser Welt erreichen Leute zum Anfassen, erreichen „Menschen wie du und ich“!. Unser Wahlspruch lautet daher noch immer: „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern!“

Holger Schlosser Wiesbaden-Sonnenberg, den 17. Juli 2005

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